Die ganze Welt lacht über Kommandant Schettino, jenen „Feigling“ der sich von Bord seines Kreuzfahrtschiffes gestohlen und seine Passagiere im Stich gelassen hat. Dabei macht man sich über einen Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes lustig und hat dabei vermutlich ein tradiertes Bild vor Augen, etwa das vom ehrenhaften Kapitän, der ein mondänes Kreuzfahrtschiff steuert und der mit samt seiner Besatzung in Ungefähr das Leben der Besatzung aus der Fernsehserie „Das Traumschiff“ führt.
Da ich selbst passionierter Wassersportler bin und auch schon selbst die Welt umsegelt habe, habe ich dazu nicht eine gänzlich andere Auffassung als die Medien.
Kreuzfahrtschiffe der Gegenwart haben mit diesem Fernseh-Blödsinn nichts zu tun. Es geht auf diesen Schiffen weder Mondän zu, noch ist die Besatzung besonders glücklich. Meistens bestehen diese Schiffsbesatzung aus Personen unterschiedlichster Nationalität. Es sind im Grunde Tagelöhner, die für wenig Geld sehr viel und sehr hart arbeiten müssen. Die Passagiere an Bord dieser Schiffe, sind auch nicht mehr Leute der Oberschicht. Es sind meistens Leute der Mittelschicht, die preisbewusst sind und einen ganz anderen Umgang pflegen, Als man es aus dem Fernsehen kennt.
So weit ich weiß, wurde von den Passagieren der Vorwurf erhoben, dass sich ein großer Teil der Besatzung zuerst aus dem Staub gemacht habe. Dabei sollen Passagieren sogar die Zugriffsmöglichkeiten zu Rettungsmitteln genommen worden sein. Insbesondere wenn es um die Rettung der Passagiere geht, geht ein Aufschrei durch die Presse. Man hat eben noch das Bild des edlen Seeoffiziers vor Augen. Gleichwohl ist man in Zeiten der „Geiz ist geil“-Mentalität nicht gewillt edle Seeoffiziere zu bezahlen. Ich kann daher gut verstehen, wenn sich diese armen Tagelöhner als erste von Bord machen und die Passagiere ihrem Schicksal überlassen, denn mal ganz ehrlich, wer würde seine Haut schon für wenige 100 € im Monat zu Markte tragen, wenn die arroganten Passagiere denen man den ganzen Tag die Sachen hinterher trägt, ein Vielfaches verdienten? Das würde doch sicher kein Mensch machen.
Kommandant Schettino wusste natürlich, mit wem er es bei seiner Besatzung zu tun hatte. Er wusste genau, dass die meisten seiner Leute im Katastrophenfall hochgradig unzuverlässig sein würden.
Rekonstruiere ich die Nacht, dann ergibt sich mir folgendes Bild:
Der Kapitän steuert sein Schiff zu dicht an die Küste. Es kommt zum Wassereinbruch. Er ist sich zunächst nicht sicher wie ernst der Schaden ist, kann er sich doch nicht vorstellen, dass es so schlimm sein soll, schließlich hat er diese Tour schon öfters gemacht. Als er merkt wie schlimm es ist, hat sich die Stimmung unter der Passagieren und der Besatzung schon derart verschlechert, dass eine geordnete Rettung nur noch sehr schwer durchzuführen ist. Er ordnet also die Evakuierung des Schiffes an. Nun kommt er irgendwie ins Rettungsboot. Ich möchte die Umstände mal dahingestellt lassen, vermutlich lügt er wenn er behauptet er sei ins Boot gefallen oder er habe nicht zurück gekonnt. Wahrscheinlicher ist, dass er davon ausging, dass das Schiff nicht mehr zu retten wäre, jeden Moment in die Tiefe sinken und alle Menschen an Bord mit sich reißen würde. Schettino weiß nämlich, wie tief das Meer direkt neben den Felsen ist.
Nun ist er also im Boot bzw. an Land. Es ist dunkel, er ist durchgefroren, denn er hat gerade übergesetzt. Er ist verstört, ein Schiff verliert man nicht jeden Tag. Um ihn herum Chaos. Und nun meldet sich dieser de Falco vom Hafenamt. De Falco ist zunächst ruhig und gelassen, klar, er sitzt ja auch in seinem Büro bzw. in einem Einsatzfahrzeug. De Falco ist anders als Schettino in guter körperlicher und geistiger Verfassung. Die Kompetenzverteilung zwischen Schettino und De Falco ist nicht ganz klar. Im Hafen könnte er ihm Befehle erteilen, daran besteht kein Zweifel. Aber auf dem Felsen vor dem Hafen? Ist de Falco da wirklich weisungsbefugt? Egal, lassen wir die fragliche Befehlsgewalt mal bei Seite. Nun befiehlt de Falco Schettino also an Bord zurück zu gehen. Er soll in der Dunkelheit und der Kälte zurück und dort eine Leiter oder Seil am Bug hochklettern und sich einen Überblick über die Lage verschaffen. De Falco vergisst nicht Schettino darauf aufmerksam zu machen, dass er das Gespräch aufzeichnet. Er will Druck ausüben.
Nun kann ich nur spekulieren, dass de Falco als Fregattenkapitän vermutlich nie ein Schiff von der Größe geführt hat, wie Schettino. Ein Kreuzfahrtschiff ist etwas ganz anderes. Aber selbst unterstellt er hätte genug Erfahrung um Schettino derartige Befehle erteilen zu können, so bleibt deren Sinnhaftigkeit doch Zweifelhaft:
Was bitte soll Schettino an Bord des Schiffes noch ausrichten? Soll der durchgefrorene und offensichtlich unter Schock stehende Schettino über den Bug hinauf? In der Dunkelheit? In der Kälte? Und dann soll er was machen? Soll er sich auf die Suche nach Passagieren begeben? Ganz allein? Ohne Ausrüstung? Auf einem Kreuzfahrschiff, das auf der Seite liegt?
Man stelle sich das mal vor. Um es besser nachvollziehen zu können schlage ich den Lesern – inbesondere denen die in Mehrfamilienhäusern leben – folgendes vor: Verbinden Sie sich bitte die Augen. Drehen sie sich mehrmals schnell im Kreis. Und dann suchen Sie bitte mit diesen verbundenen Augen ihre Nachbarn. Zwei Stockwerke höher, drei Stockwerke tiefer. Wenn sie die Nachbarn gefunden haben ohne sich dabei aus dem Fenster im Treppenhaus in den Tod gestürzt zu haben, dann gratuliere ich Ihnen. Aber urteilen Sie nun bitte nicht vorschnell über Schettino. Um das richtige Kreuzfahrt-Gefühl zu bekommen stellen sie sich nun vor ihr Haus liege auf der Seite und zur Hälfte im Wasser. Alles würde durcheinander liegen, sie könnten keinen Schritt machen. Achja: Und Ihr Haus wäre ca. 30 mal so groß und die Gänge wären verzweigter und voller Stolperfallen.
Nun noch die Kälte dazu, die Schiffsbewegungen und der Lärm und dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie es dort aussah.
Um wieder zur Sache zu kommen: Schettino hatte keine Chance. Anstatt diesen verwirrten und entkräfteten Kapitän, der ganz offensichtlich unter Schock stand und dessen Feigheit auch durch diesen Schock zu erklären ist, wieder an Bord zu schicken, hätte es Sinn gemacht sich den Kapitän ins Lagezentrum zu holen, ihn sich aufwärmen und zur Ruhe kommen zu lassen. Im Lagezentrum hätte er sicher besser helfen können, schließlich kann ich mir nicht vorstellen, dass man seine Kenntnisse vom Schiff dort nicht gebrauchen konnte.
An so etwas denkt die nach einem Opfer geifernde Presse aber nicht. Stattdessen bedienen die Medien lieber eine Klischeevorstellung vom Kapitän, der edel für seine Passagiere in den Tod geht.
Totaler Schwachsinn.