Verfasst von: markusoliver | Januar 8, 2013

Juden, Antisemitismus, Augstein und Pipapo


Ich habe einige Zeit gebraucht, um Schlüsse daraus zu ziehen, was da gerade geschieht. Es ist ja auch nicht ganz einfach zu verstehen: Da wird einer (wenn nicht gar „der“) führenden Linken in Deutschland vom Simon Wiesenthal Center für seine „antisemitischen“ Äußerungen öffentlich bloßgestellt. Vor wenigen Jahren ein undenkbarer Vorgang und zwar in jedweder Hinsicht.

Zum einen war es undenkbar, dass „Linke“ Antisemiten sein könnten. Die Republik war derart im Kampf gegen Rechts vertieft, dass man sich mit soetwas abwegigem wie linken Antisemitismus gar nicht beschäftigen mochte. Es gibt ja auch diesen berühmten Ausspruch davon, dass Linke per Definition keine Antisemiten sein könnten. Was natürlich Unsinn ist, aber viel über die Ideenwelt der linken Öffentlichkeit aussagt.

Nun ist es leicht darzulegen, dass Linke aus ihrer eigenen Einschätzung heraus keine Antisemiten sein können. Viel aufregender ist jedoch, dass sich die Fremdwahrnehmung der Linken – und jetzt wird es interessant – insbesondere die Fremdwahrnehmung der Linken bei „den Juden“ bzw. eben bestimmter jüdisch bzw. israelischer Lobbykreise (da gibt es Schnittmengen) entscheidend geändert hat. War es nämlich früher so, dass aus Sicht eben dieser (Wie soll ich sie nur nennen? „Israelische Lobbykreise?“, „Jüdische Lobbykreise?) Lobbykreise die deutsche Linke an sich so ziemlich heilig war, was sich auch mit Willy Brandts Ostpolitik und Franz Josef Strauß‘ ultra-konservativer Politik zu tun hatte.

In den 70er und 80er Jahren waren die (welt)politischen Mechanismen eben ganz andere. Im Osten saß der Russe, der nur darauf wartete den Westen anzugreifen und der durch systematische Stärkung der arabischen Staaten versuchte Israel aus dem Weg zu räumen, der aber an der Türkei nicht vorbei kam.

Die Türkei, dieser zentrale und damals noch hochverlässliche Partner der NATO, das Bollwerk im Süden, garantierte Israel und dem ganzen Westen die Existenz, denn dank der Türkei war der Zugriff der Sowjets auf das Mittelmeer, die Ölquellen Saudi-Arabiens und weiter Teile Afrikas mit seinen Rohstoffvorkommen blockiert. Die Türkei spiele die zentrale Rolle in der Weltpolitik, eine solche Rolle hatte die Türkei noch nie gespielt und sie wird sie auch nie wieder spielen. Die Türkei war damals so dermaßen wichtig, dass sie es sich sogar leisten konnte in Zypern einzumarschieren, ein Vorgang den man ihr heute niemals durchgehen lassen würde. Die Türkei, das Tor zum Mittelmeer, zum Nahen Osten, zum Balkan, zu den Ölquellen des kaspischen Meeres, Hintertür in den Iran, nur 10-15 Panzerstunden von Bagdad entfernt. Die Türkei war unglaublich wichtig damals, das war die Zeit, als „James Bond“ sich ständig in Istanbul aufhielt, weil die ganze Welt um die geostrategische Bedeutung der Türkei und dieser wunderschönen Stadt am Bosporus wusste.

In dieser weltpolitischen Lage waren die Türken den Israelis die besten Freunde. Selbstverständlich wurde die Masseneinwanderung von Türken nach Deutschland durch die „Lobby“ unterstützt, denn der so wichtige türkische Verbündete musste stabilisiert werden. Die vielen russischen Juden die noch nach Israel zu holen waren, die „Ostpolitik“, die damit zusammenhing, die gesteigerte Bedeutung der damaligen „EG“ für die Einbindung Deutschlands in den Westen nach der von Frankreich so gefürchteten „Wiederbewaffnung“. Das alles hing untrennbar zusammen, nicht nur die deutsche Politik war damals unfrei, die Politik der ganzen Welt war in diesen Zwängen gefangen. Angst hatten sie alle voreinander: Die Israelis vor den aufgehetzten Arabern, die Türken vor den Arabern, den Kurden und den Griechen, die Griechen vor den Türken, die Serben (als vorherrschende Macht in Jugoslawien) vor dem Ostblock, der NATO, den Türken und sowieso allen, die sich in Jugoslawien einmischen könnten, die Italiener vor den Jugoslawen und den Österreichern, die Österreicher vor allen anderen – sogar vor den Deutschen -, die Engländer vor den Deutschen, denen sie nie trauten, den Sowjets und den aufstrebenden Mächten der ehemaligen Kolonien, die ihre Handelswege in den „Commenwealth“ bedrohten, die Sowjets vor dem Zerfall ihres Reiches, das sich schon in finstersten Zeiten Stalins auflöste und im Grunde immer nur aus „Russland“ und wenigen Loyalen Beamten in bestimmten Republiken bestand. Wussten Sie, dass  schon die Zaren angesichts des grassierenden Diebstahls der Gouverneure resignierten? Dieses riesige Reich war nie zu regieren.

Die Amerikaner vor dem Kommunismus an sich, der sich in Südamerika ausbreitete und nur mit „chilenischen“ Methoden unterdrückt werden konnte.

Die 70er und 80er Jahre waren die Zeiten der großen geostrategischen Ängste.

Zu diesen Zeiten war man froh, dass mitten in Europa etwas entstand was nach „Kommunikation“, „Frieden“ und „Stabilität“ aussah. Selbstverständlich durfte man da nicht „kleinklein“ machen. Mal eben ein paar Millionen Türken nach Deutschland zu schicken, war da das geringste Problem. Selbstverständlich wurde Deutschland in diesem politischen Umfeld „entnationalisiert“, das versprach nicht nur Deutschland und Europa, es versprach der ganzen Welt Frieden, zumindest aber versprach es Ruhe an der NATO-Südfront.

Der sicherste Weg Deutschland ruhig zu halten war es, eine starke linke Politik zu etablieren. Irgendwas was nah an der französischen Seele hing, was also Ruhe von jenseits des Rheins versprach. Etwas mit dem sich alle anfreunden konnten. Und wer konnte sich nicht mit deutschen Zahlmeistern anfreunden?

In dieser geostrategischen Gemengelage wurde eine winzige und damals noch unbedeutende Kleinigkeit übersehen: Der Islam.

In der türkischen Gesellschaft war der Islam – so schien es zumindest – überwunden. In den 60er Jahren trugen die türkischen Frauen offenes Haar und kurze Röcke. Sie schminkten sich und es gab überall Alkohol zu kaufen. Und Dank der CIA war von Demokratie in der Türkei auch nicht der kleinste Hauch zu sehen. So gut wie niemand konnte die Gefahren erkennen.

Woher sollte die „Lobby“ also erkennen, dass 8 Millionen Türken in Deutschland irgendwann anfangen würden Milli Görüs gut zu finden? Woher sollte man ahnen können, dass die zunehmende Islamisierung dazu führen würde, dass sich schleichend eine immer stärker werdende antiisraelische Politik Geltung verschaffen würde? Na klar gab es Südafrika. Man hatte die Abwicklung des weißen Mannes erlebt, aber dass es den Juden in ihrem Staat bedrohlich werden könnte, davon träumten die nicht einmal.

Wer konnte denn davon ausgehen, dass die EG mal zur EU werden würde und die Türken in Deutschland mal Minister stellen würden? Man war immer davon ausgegangen, dass die „Gastarbeiter“ als solche auch nie eine politische Rolle spielen würden.

Nun leben wir in anderen Zeiten. Die Linken brauchen die Lobby nicht mehr, glauben sie zumindest. Sie haben jetzt breite Bevölkerungsschichten, denen die Kritik an Israel anerzogen wurde. Die Lobby begreift langsam, was die Stunde geschlagen hat. Die Entnationalisierung Deutschlands, die bislang Ruhe und Sicherheit garantierte, erweist sich jetzt als tödlicher Fehler. Eine pluralistische EU verlangt nach universellem Pluralismus. Nichts da mit „jüdischer Charakter des Staates Israel“. Multi-Kulti ist universell angesagt. Menschenrechte sind unteilbar.

Nun wird es ungemütlich.

Man erkennt also wer die neuerlichen wahren Feinde und die wahren Freunde sind. Da gibt es auf einmal einen Blog namens „PI“. Konservativ durch und durch und siehe da: Diese Leute erweisen sich als die nützlichsten Verbündeten. Da reisen sogar ehemalige Neonazis nach Israel und treffen sich mit ultra-konservativen Juden, gemeinsam erkennt man, dass das „Völkische“ eben doch eine Rolle spielt oder besser spielen sollte, weil es sonst irgendwann vorbei ist. Appartheid, Mandela, Bico, Gaza, Lager, Augstein… Sie wissen, was ich meine.
Die Stimmung ändert sich und diesmal könnte es vorbei sein. Das übliche Gequassel der ach so treuen Konsens-Politiker von CDU, SPD, FDP und Grünen, vom „Existenzrecht“ und der „Staatsräson“, erweist sich als was es immer war: Dummes und unverbindliches Zeug. Leere, inhaltslose Politfloskeln, wie sie von diesen Floskel-Profis ständig abgesondert werden. Ohne jede realpolitische Bedeutung.

In dieser Zeit rückt Israel nach rechts.

Selbstverständlich hatten die Israelis niemals vor einen palästinensischen Staat im Westjordanland zu akzeptieren. Sieht das etwa nach Anerkennung eines solchen Staates aus? Wenn im Westjordanland ein palästinensischer Staat entsteht, ist es mit Israel vorbei. Also kann man einen solchen Staat nicht akzeptieren. Und lässt sich eine solche Politik mit einer Multi-Kulti-Linken in Deutschland machen? Na, wohl kaum.

Also müssen die Jungs wie Augstein weg.

Nur jetzt wird es eben spannend: Augstein ist ein führender Linker. Solidarität kommt auf. Broder oder Augstein, das ist hier die Frage! Ich setze in dieser Schlacht auf Augstein, weil ich meine die Mechanismen der bundesdeutschen Gesellschaft mittlerweile ganz gut einschätzen zu können. Broder hat sich nämlich mit einem Erbprinzen angelegt, wollte ihm mackermäßig zeigen wo der Hammer hängt, wenn ihn Anwürfe aus den Tiefen des Internets nicht interessieren und an ihm abprallen, dann ist er vielleicht nach Kritik vom SWC mundtot.

Dachte Broder. Aber da irrte und verzockte er sich gewaltig, auch wenn der Schachzug gar nicht schlecht war. Aber die Kritik an Israel wird nicht abnehmen, im Gegenteil. Nur wird Broder in Zukunft keine Rolle mehr spielen, der ist bald weg vom Fenster. Er wird seltener eingeladen werden ins TV, irgendwann demnächst wird die Redaktion der Welt einen Grund finden und dann ist er weg. Mit Augstein hat sich Broder gewaltig verhoben. Augstein ist ein Nichtskönner, aber er ist ein Abkömmling. Und das zählt hier eine ganze Menge.

Politiker wie dieser Bennett machen der Lobby das Leben nicht gerade leicht. Sie haben eben keine andere Wahl, wie damals in den 80ern.

Was lernen wir also aus diesen Vorgängen? Die deutschen Konservativen werden ihre Nähe zu den Israelis entdecken, denn man hat gemeinsame Prinzipien. Blut, Volk und Boden und so. Jeder auf seinem kleinen Fleckchen Land eben. Gemeinsam gegen die Türken, die einen weil sie mit ihnen leben müssen, die anderen weil sie ihre politische Macht fürchten.

Alles zwecklos. Der Islam wächst, seine Macht gedeiht, für Israel ist es zu spät. Es ist jetzt nur noch ein Hobby für seine führenden Politiker, für Leute aus den USA, die dort noch ein wenig Politik spielen wollen, aber im Grunde wissen auch die Israelis, dass sie dieses Spiel schon längst verloren haben. Der Fehler der Masseneinwanderung nach Europa ist nicht mehr rückgängig zu machen. Die zunehmende Isolation Israels zeigt sich schon darin, dass SPON derartige Berichte überhaupt bringt. Was Nachrichten sind und was nicht, ist von entscheidender Bedeutung. Kein Mensch interessiert in Deutschland, wenn die Hamas in Gaza ein paar Palästinenser killt. Aber wenn ein Bennett in Israel abspinnt, dann kommt das hier groß heraus.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Israel und die deutschen Konservativen gemeinsam aber getrennt untergehen. Sie sterben beide an Überfremdung, die einen hier, die anderen dort.

Gestern eine Einladung zur deutsch-israelischen Gesellschaft bekommen. Ich werde hingehen, um mir die Politzombies mal anzugucken. Um mal zu sehen wie es aussieht wenn man auf verlorenem Posten steht. Vielleicht gehe ich auch mal zur NPD oder besser zur CDU. Die wird in den Großstädten ja auch schon nicht mehr gewählt.

Trotz alledem: Die Linken sind nicht die Gewinner dieser Politik. Moslems wählen nicht links. Sie wählen genausowenig links wie sie christliche Konservative wählen. Sie wählen ihre eigenen Leute. Verloren haben dieses Spiel alle, sogar die Moslems, aber sie werden es erst sehr spät erkennen, wenn nämlich in der Türkei der Bürgerkrieg ausbricht, was keine fünf Jahre mehr dauern wird.

Augstein oder Broder? Broder oder Augstein? Weder noch. Den Krieg gewinnen beide nicht.


Responses

  1. Man sollte bei solchen Lobbys nicht Logik voraussetzen. Oder mit Logik argumentieren. Wenn Leute in ein vollbeladenes Rettungsboot kleine Löcher bohren, worauf eine stetige Menge Wasser einfliesst, dann ist es müßig, zu argumentieren, ja, wissen die denn nicht, daß sie mit absaufen? Daß ist den Lobbys aber Wurscht. Die werden schon irgendwie überleben. Denken sie.

    Manche Leute auf PI wundern sie ja manchmal, wie Juden in Deutschland die Mohammedaner so unterstützen können, in ihren Ansprüchen, die Leute, die sie auf offener Straße angehen, die schon mal eine Tanzgruppe steinigen oder Rabbis anstechen, die begreifen eben nicht, daß es sich in einer destabilisierten Gesellschaft, in der nur noch Stammes – oder Religionsbande gelten, viel besser für diese Leute leben läßt, wo ihnen derzeit der Staat in die Dinge hineinredet.

    • Ich glaube eher, dass die Unterstützung der Lobbys für die Moslems noch aus alter Gewohnheit, denn aus irgendwelchen antistaatlichen Motiven herrührt. Der Zentralrat der Juden nimmt gewisse Positionen ein, weil er sie schon immer bzw. bisher immer eingenommen hat. Das ist mehr Gewohnheit als strategisches Handeln.

      Erst ganz langsam dämmert denen, dass etwas schief läuft. Aber diese Lobbies sind auch nicht so schlau und so gut organisiert, wie insbesondere viele Rechte gerne glauben wollen. Sonst wäre dem SWC nicht dieser verhängnisvolle Fehler unterlaufen. Die Einstufung Augsteins in dieser Top Ten beruhte letzten Endes wohl nur auf Broders Einschätzung. Ein bisschen wenig für Weltbeherrschungspläne, die man denen von Rechts so gerne nachsagt, meinst Du nicht?

  2. „wenn nämlich in der Türkei der Bürgerkrieg ausbricht, was keine fünf Jahre mehr dauern wird“
    Wer sollte sich denn den Islamisten in den Weg stellen? Etwa die Ex-Generäle, die sich widerstandslos haben absägen lassen?

    • Der Krieg wird in Hatay, Istanbul und den Kurdengebieten ausbrechen. Und zwar auch in den Kurdengebieten, in denen es bisher ruhig war. Es werden Kurden und Aleviten sein, die zu den Waffen greifen.


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