Verfasst von: markusoliver | November 22, 2012

Der große Gehaltsreport von Stepstone und was das mit meiner Entlassung zu tun hat


Stepstone, eine der besseren deutschen Stellenbörsen, hat den großen Gehaltsreport/die große Gehaltsstudie (ich kann sie gerade nicht wiederfinden) veröffentlicht. Ich habe mir das Ding mal von Bild Online aus angeschaut, mit dem Schwerpunkt auf die Gehälter von Juristen und Ärzten.

Zuerst einmal folgendes: Dass Ärzte am besten verdienen, geht vollkommen in Ordnung. Was mich allerdings wundert ist, dass die Spitzengehälter laut Stepstone-Studie bei ca. 69.000 Euro brutto/Jahr liegen. Ich muss wohl nicht darauf hinweisen, was das netto bedeutet: ca. 3.400 Euro. *räusper*

Wir reden hier über Spitzengehälter. Angeblich.

Rechnen wir doch mal durch, was eine 4-Zimmer-Wohnung in einer mittleren Großstadt in Deutschland so kostet, nehmen wir Leipzig: Unter 1.000 Euro kalt wird man wohl kaum etwas anständiges finden. Und das ist Leipzig. Ob es da wirklich 69.000 im Jahr werden sei mal dahingestellt.

Wir rechnen nach: 3.400 – 1.000 macht 2.400 Euro. (Also für Leipzig, in Hamburg kriegt man für 1.000 Euro kalt keine 4-Zimmer-Wohnung!)

Von diesen 2.400 Euro gehen jetzt allerlei Kosten herunter. Beispielsweise für das Kraftfahrzeug. Haftpflicht/Kasko: ca. 100 Euro im Monat. Macht 2.300 Euro.

Kinderbetreuungskosten, denn die sind bei diesem Gehalt nicht mehr drin: 400 Euro im Monat. Macht 1.900 Euro.

Sonstige Versicherungen, Strom, Kleidung, Lebensmittel usw. Sagen wir mal 600 Euro im Monat.

Macht 1.300 Euro. Die übrig bleiben.

Wir reden noch immer über ein „Spitzengehalt“.

Jetzt der Hartz-IV-Schwarzarbeiter-Tarif:

Miete und Kinderbetreuung umsonst. Kraftfahrzeug nicht unbedingt nötig.

Studium, Ausbildung, sonstige Mühen um etwas zu werden: Null. In dieser Zeit kann übrigens schon Geld verdient werden! Das muss der Arzt erst noch reinholen!

Lebenshaltungskosten Energie, Lebensmittel, etc.: weitestgehend gedeckt. Der Rest kommt vom Roten Kreuz/ der Tafel.

Jetzt geht es los: Schwarzarbeit 15 Euro/Stunde (ganz vorsichtig kalkuliert!).
6 Stunden am Tag * 4 Tage die Woche (man will ja auch Wochenende haben) =  360 Euro.

Mal vier Wochen: 1.440 Euro.

Wir stellen gegenüber: 1.300 Euro zum „Leben“ nach Jahren des Studiums und für einen knallharten Job mit gut und gerne wenigstens (!) 48 Stunden die Woche. So entspannt geht es aber in den wenigsten Arztstellungen zu. Wenn ich einen „fairen“ Stundenansatz bringe und das Gehalt des Arztes auf einen 6-Stunden-Tag herunterrechne, dann kommen meinen Lesern die Tränen. Darum tue ich es nicht.

1.440 Euro (im Durchschnitt) für einen Hilfsarbeiterjob, ohne jedes persönliche Risiko. Ohne Kümmern um die Renovierung der Mietwohnung etc.

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass da vielleicht noch 800 Euro an einem „Mehr“ an Lebensqualität des Arztes drin sind, weil er bei diesem Gehalt etwas freier entscheiden kann als der Hartz-IV-Empfänger, so kommen wir doch nicht umhin zu testieren, dass sich arbeiten in diesem Land nicht mehr lohnt!

Es gibt einfach keinen vernünftigen Abstand mehr zum nichtarbeitenden Menschen.

Nun bin ich – zum ersten Mal im Leben – „gefeuert“ worden. Ehrlich gesagt lag es daran, dass ich mich mit meinen Chefs nicht vertragen habe und mir auch keine besondere Mühe gegeben habe. Das muss ich schon zugeben. Der Job interessierte mich immer weniger und das Gefühl einen anderen reich zu machen, der dazu auch noch wenig sympathisch ist, war nicht gerade motivierend. Das ich gefeuert wurde ist nicht weiter tragisch, ging mir mein Job eh auf den Keks, aber es hat eben zur Folge, dass ich mich beruflich neu orientieren muss/darf/kann. Angesichts des großen Stepstone-Gehaltsreports stellt sich für mich jedoch die Frage, ob ich überhaupt auch nur eine einzige Bewerbung schreiben soll. Schließlich habe ich mehr Pensionsbezüge im Monat, als der durchschnittliche Malocher so netto auf das Konto überwiesen bekommt. 🙂

Ich habe daher im Grunde schon beschlossen mich selbständig zu machen. 2 Verkehrsordnungswidrigkeiten bringen auch schon fast 1.000 Euro.
Ohne jedes Risiko und mit minimaler Anstrengung. Das macht mehr Sinn, als entweder für 80.000 im Jahr in einer Großkanzlei 6 Tage die Woche (!) 11 Stunden täglich zu knechten oder aber in einer kleineren Bude für 60.000 9 – 10 Stunden am Tag. Das macht so alles überhaupt keinen Sinn!

Doch zurück zur Stepstone-Studie: Ich frage mich, was die anderen machen. Also die, die nicht 69.000 im Jahr verdienen, die also irgendwo so bei 30.000 liegen. Das sind Leute, die wirklich für ihr Geld arbeiten.
Wie motiviert man sich zu arbeiten für so ein „Gehalt“????? Warum bricht hier kein Bürgerkrieg aus?


Responses

  1. Ach, MO. Hier gibts einen Malergesellen, top-qualifiziert. WDVS-„Experte“. Ein wirklich guter Handwerker. Hat den „Job“ geschmissen, jetzt Hartz IV. Lebt mit einer ***** zusammen, die hat 3 Ableger. Meine Ex-Sekretärin, die jetzt in dem Malerbetrieb tätig ist, hat mir folgendes vorgerechnet:

    Frau, arbeitslos, 3 Kinder, Wohnung etc. pp. bekommt = 1.800 €
    Malergeselle, arbeitslos, usw. = 1.200 €

    Schwarze Arbeit, hat der Maler perfekt organisiert,
    im Monat ~ > = 2.000 €

    Das sind 5.000 €uronen komplett netto inne Täsch.

    Noch Fragen?

    • Dann wohnen die offiziell getrennt… ich frage mich, wie der dann an 1.200 Euro kommt. Die Miete muss er ja an den Vermieter abdrücken.

  2. Ich weiß nicht woher die 69.000€ brutto der Studie kommen – aber soweit ich weiß trifft das eher den netto-Durchschnitt(!) eines Arztes.

    • Das habe ich mir auch gedacht, stand so aber gerade NICHT drin! Allerdings würden 69.000 netto schon sehr viel sein, brutto wären das ja über 100.000 Euro.

      Die Tarife für angestellte Anwälte stimmten mit 65.000 jedenfalls brutto so ungefähr. In Großkanzleien mehr (bei sehr viel mehr Arbeit), in kleineren Buden können es aber auch schon mal unter 40.000 brutto im Jahr sein.

      Also alles ziemlich lächerlich. Von Architekten und Steuerberatern (angestellt) hört man übrigens noch ganz andere Horrorgeschichten.

  3. Weil es genügend anständige Menschen gibt und irgendwer muß ja HARTZ IV finanzieren. Schwarzarbeiten ist übrigens seliger als gar nicht zu arbeiten. So Thilo Sarrazin. Denn der Schwarzarbeiter schafft Werte, während der, der nur von HARTZ IV lebt, nur von HARTZ IV lebt.

  4. Ob er wirklich immer Werte schafft, bezweifle ich mal: Wer richtig für derartige Hungerlöhne arbeitet, ist sicher wesentlich öfter krank als der, der zu Hause auf dem Sofa liegen bleibt. Die Krankheit verursacht dann wieder erhebliche Kosten. Ich kann aus der letzten Kanzlei in der ich beschäftigt war jedenfalls mit Sicherheit sagen, dass einige (nicht alle) der dort beschäftigten Sekretärinnen auf Grund ihrer Arbeit dermaßen krank werden, dass sie die dadurch entstehenden Kosten NIE WIEDER einarbeiten können. Schon gar nicht mit ihren armseligen Beiträgen in die gesetzliche Krankenversicherung. Und als „Arbeitsunfälle“ werden diese Krankheiten nicht bewertet werden, man denke nur an die überflüssige Raucherei.

    Ne, mich dünkt es gibt tatsächlich Tätigkeiten, die man besser nicht ausführen sollte. Das kostet nur Geld.

    • Ein schwarzarbeitender Klempner klempnert tatsächlich und die haareschneidende Schwarzfriseusin frisiert real. Da kannst Du bezweifeln, daß der Hahn nicht mehr tropft oder die neue Frisur sitzt. Es ist so.

      • Das ja, aber Du musst bei vielen Arbeiten auch die der Gesellschaft entstehenden Kosten berücksichtigen. Beim Klempner kommt zuemlich sicher ein Plus am Ende heraus. Bei der Friseuse ist das nicht immer der Fall!

  5. Gute Frage warum hier kein Bürgerkrieg ausbricht. Viele Menschen machen das System mit in der Hoffnung irgendwann einmal selber die fette Kohle zu machen. Die haben keine Ahnung was die sich da antun. Nach Jahren (wenn der Zug schon abgefahren ist und sie ihren Magenkrebs haben) merken sie es erst. Dann ist es aber zu spät und keiner schert sich einen Dreck um sie. Zu Lasten des Sozialsystems. Ach und es wird unglaublich viel getrickst bei diesen Bachelor-Statistiken. Bin selber Bachelor-Student eigentlich ganz gute Noten auch im Abi und Praktika und so immer Gas gegeben Top-Ergebnisse abgesahnt. Aber die Zuversicht schwindet immer mehr – keine Ahnung warum. Warum soll ich mich abrackern für nen Stundenlohn den ich als Nachhilfelehrer bspw. mal locker verdoppeln könnte von dem Stress und so mal ganz abgesehen,…

    • Welcher Studiengang?

  6. wirtschaft. Bachelor+Master: das ist ein disaster! xD


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