Verfasst von: markusoliver | Januar 19, 2012

Über Helden, Maulhelden und Feiglinge

Die ganze Welt lacht über Kommandant Schettino, jenen “Feigling” der sich von Bord seines Kreuzfahrtschiffes gestohlen und seine Passagiere im Stich gelassen hat. Dabei macht man sich über einen Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes lustig und hat dabei vermutlich ein tradiertes Bild vor Augen, etwa das vom ehrenhaften Kapitän, der ein mondänes Kreuzfahrtschiff steuert und der mit samt seiner Besatzung in Ungefähr das Leben der Besatzung aus der Fernsehserie “Das Traumschiff” führt.

Da ich selbst passionierter Wassersportler bin und auch schon selbst die Welt umsegelt habe, habe ich dazu nicht eine gänzlich andere Auffassung als die Medien.

Kreuzfahrtschiffe der Gegenwart haben mit diesem Fernseh-Blödsinn nichts zu tun. Es geht auf diesen Schiffen weder Mondän zu, noch ist die Besatzung besonders glücklich. Meistens bestehen diese Schiffsbesatzung aus Personen unterschiedlichster Nationalität. Es sind im Grunde Tagelöhner, die für wenig Geld sehr viel und sehr hart arbeiten müssen. Die Passagiere an Bord dieser Schiffe, sind auch nicht mehr Leute der Oberschicht. Es sind meistens Leute der Mittelschicht, die preisbewusst sind und einen ganz anderen Umgang pflegen, Als man es aus dem Fernsehen kennt.

So weit ich weiß, wurde von den Passagieren der Vorwurf erhoben, dass sich ein großer Teil der Besatzung zuerst aus dem Staub gemacht habe. Dabei sollen Passagieren sogar die Zugriffsmöglichkeiten zu Rettungsmitteln genommen worden sein. Insbesondere wenn es um die Rettung der Passagiere geht, geht ein Aufschrei durch die Presse. Man hat eben noch das Bild des edlen Seeoffiziers vor Augen. Gleichwohl ist man in Zeiten der „Geiz ist geil“-Mentalität nicht gewillt edle Seeoffiziere zu bezahlen. Ich kann daher gut verstehen, wenn sich diese armen Tagelöhner als erste von Bord machen und die Passagiere ihrem Schicksal überlassen, denn mal ganz ehrlich, wer würde seine Haut schon für wenige 100 € im Monat zu Markte tragen, wenn die arroganten Passagiere denen man den ganzen Tag die Sachen hinterher trägt, ein Vielfaches verdienten? Das würde doch sicher kein Mensch machen.

Kommandant Schettino wusste natürlich, mit wem er es bei seiner Besatzung zu tun hatte. Er wusste genau, dass die meisten seiner Leute im Katastrophenfall hochgradig unzuverlässig sein würden.

Rekonstruiere ich die Nacht, dann ergibt sich mir folgendes Bild:

Der Kapitän steuert sein Schiff zu dicht an die Küste. Es kommt zum Wassereinbruch. Er ist sich zunächst nicht sicher wie ernst der Schaden ist, kann er sich doch nicht vorstellen, dass es so schlimm sein soll, schließlich hat er diese Tour schon öfters gemacht. Als er merkt wie schlimm es ist, hat sich die Stimmung unter der Passagieren und der Besatzung schon derart verschlechert, dass eine geordnete Rettung nur noch sehr schwer durchzuführen ist. Er ordnet also die Evakuierung des Schiffes an. Nun kommt er irgendwie ins Rettungsboot. Ich möchte die Umstände mal dahingestellt lassen, vermutlich lügt er wenn er behauptet er sei ins Boot gefallen oder er habe nicht zurück gekonnt. Wahrscheinlicher ist, dass er davon ausging, dass das Schiff nicht mehr zu retten wäre, jeden Moment in die Tiefe sinken und alle Menschen an Bord mit sich reißen würde. Schettino weiß nämlich, wie tief das Meer direkt neben den Felsen ist.

Nun ist er also im Boot bzw. an Land. Es ist dunkel, er ist durchgefroren, denn er hat gerade übergesetzt. Er ist verstört, ein Schiff verliert man nicht jeden Tag. Um ihn herum Chaos. Und nun meldet sich dieser de Falco vom Hafenamt. De Falco ist zunächst ruhig und gelassen, klar, er sitzt ja auch in seinem Büro bzw. in einem Einsatzfahrzeug. De Falco ist anders als Schettino in guter körperlicher und geistiger Verfassung. Die Kompetenzverteilung zwischen Schettino und De Falco ist nicht ganz klar. Im Hafen könnte er ihm Befehle erteilen, daran besteht kein Zweifel. Aber auf dem Felsen vor dem Hafen? Ist de Falco da wirklich weisungsbefugt? Egal, lassen wir die fragliche Befehlsgewalt mal bei Seite. Nun befiehlt de Falco Schettino also an Bord zurück zu gehen. Er soll in der Dunkelheit und der Kälte zurück und dort eine Leiter oder Seil am Bug hochklettern und sich einen Überblick über die Lage verschaffen. De Falco vergisst nicht Schettino darauf aufmerksam zu machen, dass er das Gespräch aufzeichnet. Er will Druck ausüben.

Nun kann ich nur spekulieren, dass de Falco als Fregattenkapitän vermutlich nie ein Schiff von der Größe geführt hat, wie Schettino. Ein Kreuzfahrtschiff ist etwas ganz anderes. Aber selbst unterstellt er hätte genug Erfahrung um Schettino derartige Befehle erteilen zu können, so bleibt deren Sinnhaftigkeit doch Zweifelhaft:

Was bitte soll Schettino an Bord des Schiffes noch ausrichten? Soll der durchgefrorene und offensichtlich unter Schock stehende Schettino über den Bug hinauf? In der Dunkelheit? In der Kälte? Und dann soll er was machen? Soll er sich auf die Suche nach Passagieren begeben? Ganz allein? Ohne Ausrüstung? Auf einem Kreuzfahrschiff, das auf der Seite liegt?

Man stelle sich das mal vor. Um es besser nachvollziehen zu können schlage ich den Lesern – inbesondere denen die in Mehrfamilienhäusern leben – folgendes vor: Verbinden Sie sich bitte die Augen. Drehen sie sich mehrmals schnell im Kreis. Und dann suchen Sie bitte mit diesen verbundenen Augen ihre Nachbarn. Zwei Stockwerke höher, drei Stockwerke tiefer. Wenn sie die Nachbarn gefunden haben ohne sich dabei aus dem Fenster im Treppenhaus in den Tod gestürzt zu haben, dann gratuliere ich Ihnen. Aber urteilen Sie nun bitte nicht vorschnell über Schettino. Um das richtige Kreuzfahrt-Gefühl zu bekommen stellen sie sich nun vor ihr Haus liege auf der Seite und zur Hälfte im Wasser. Alles würde durcheinander liegen, sie könnten keinen Schritt machen. Achja: Und Ihr Haus wäre ca. 30 mal so groß und die Gänge wären verzweigter und voller Stolperfallen.

Nun noch die Kälte dazu, die Schiffsbewegungen und der Lärm und dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie es dort aussah.

Um wieder zur Sache zu kommen: Schettino hatte keine Chance. Anstatt diesen verwirrten und entkräfteten Kapitän, der ganz offensichtlich unter Schock stand und dessen Feigheit auch durch diesen Schock zu erklären ist, wieder an Bord zu schicken, hätte es Sinn gemacht sich den Kapitän ins Lagezentrum zu holen, ihn sich aufwärmen und zur Ruhe kommen zu lassen. Im Lagezentrum hätte er sicher besser helfen können, schließlich kann ich mir nicht vorstellen, dass man seine Kenntnisse vom Schiff dort nicht gebrauchen konnte.

An so etwas denkt die nach einem Opfer geifernde Presse aber nicht. Stattdessen bedienen die Medien lieber eine Klischeevorstellung vom Kapitän, der edel für seine Passagiere in den Tod geht.

Totaler Schwachsinn.


Antworten

  1. Neues von der Unbekannten in Begleitung des Kapitäns auf der Brücke. Sie soll Moldawierin sein und nicht auf der Passagierliste erscheinen. Vielleicht verdient sich der Kapitän als Schleuser ein kleines Zubrot. Wie Du schon schreibst, die Jungs sind unterbezahlt.

    • Ach was, das wird ne Nutte sein, die für Gefälligkeiten an Bord arbeiten durfte, toleriert von der Reederei, weil sie das Geschäft förderte.

      • Da wirst Du recht haben. Unsere Crew (12 Leute) hat es auch einmal geschafft, eine Thailänderin an Bord zu schmuggeln und tagelang zu verstecken. Und das auf einem 43 m Pott.

  2. Das Ganze sieht so aus als würde man Marzahn auf Mallorca bauen und dann im Meer versenken.

    • Hahahaha… ja, sehr treffend!

  3. Jakob schreibt:

    “Es gibt eine Last, die schwerer wiegt als die Angst und das ist die Scham.”

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810081,00.html

    Als wenn er Schamgefühl hätte, dieser gewalserte xxxxxxx, der überall Splitter sieht, außer die Balken, die in seiner Augsteinmutter fuhrwerkten.
    Ich sehe mich nicht als links, aber schon links von diesem Jakob von und woher auch immer. Dieser xxxxxxx in seiner Vatersehnsucht fabuliert sich eine Autorität zusammen, dabei immer ein “wir” gebrauchend, etwas worauf er hinaufschauen kann, das ihm die Erlaubnis gibt, auf andere herabzuschauen. (Das kann er auch gut ohne Erlaubnis)
    Jakob, der Lügner hätte gerne einen deutschen Führer.

    • Ich denke auch, dass er viel Dreck schreibt, aber diese Beschimpfungen sind unangebracht.

      • Hier ist alles angebracht. Er greift einen anderen als Feigling an, zeiht ihn ein Muttersöhnchen, obwohl er selber nur wegen der Schenkeleien seiner Mutter in seine derzeitige Position gekommen ist und gibt sich selber seinen autoritären Gelüsten hin, indem er eine Vaterfigur herbeisehnt, die er vielleicht hatte oder noch hat, aber nie eindeutig hatte.
        Gelöscht!

        PS: Ich habe nichts gegen Leute, deren Vater nicht bekannt ist.

  4. Außerdem ist das auch so schlechtester Stil. Augstein-Walser-Oder-Wer-Sonst-Noch-Drauf-War (abgekürzt: AWOWSNDW) meint, der Kapitän von Marzahn-Mallorca hat gerade ein schlechtes Image, dann benutzt man doch den linken Trick “guilty by association”, bringt ihn mit dem Winker aus Niedersachsen in Verbindung und schon ist Wulff mehr beschädigt.
    Gelöscht!

  5. Sei es wie es sei, ich glaube, der Kapitän hat jedenfalls eine gute Story zu verkaufen. Von der U-Haft in den Hausarrest hat er es schon geschafft und wenn er es jetzt noch dazu bringt, sich ordentlich zu vermarkten, ist er ein gemachter Mann. Ich beneide ihn nicht, aber ich bedauere ihn auch nicht. Er hat eine schicksalhafte Chance bekommen, er möge sie nutzen. Mast- und Schotbruch jedenfalls im voraus von hier. Vielleicht ist die blinde Moldawierin mit ihm in die Rettungsinsel gefallen und sie haben dort ein Kind gezeugt; in neun Monaten wird dann sicher eine kleine europäische Concordia die Welt begeistern…

  6. Sie mögen vielleicht Wassersport-erfahrung haben und Kenntnis der Kreuzfahrt, aber trotzdem ist der Bericht nur dann schlüssig, wenn man davon ausgeht, daß jeder von Natur aus hedonistisch und egoistisch veranlagt ist und Risiko minimieren möchte. Einen Kapitän wie Roberto Bosio, der obwohl außer Dienst und nur auf Passage auf der Concordia, die Rettungsarbeiten koordniert hat nach dem Ausfall Schettinos, dürfte es nach Ihrer Vorstellung ebenso wenig geben wie den sindaco von St. Giglio, der auf das bereits sich neigende Schiff zufuhr, per Strickleiter hinauf kletterte und mit einem jungen Offizier, dem Schiffsarzt und dem Zahlmeister noch zahlreiche Leute unter Lebensgefahr von Bord brachte. Das wäre Schettinos Aufgabe gewesen. Nein, Feigheit, so gut sie auch argumentativ vorgebracht wird, ist nicht immer die optimale Lösung, am wenigsten eine menschliche.

    • Ich behaupte natürlich nicht, dass es weder Mut noch Edelmut gibt. Ich behaupte lediglich, dass Schettino einigermaßen rational handelte und der so hochgelobte Kapitän de Falco nicht die Glanzleistung hingelegt hat, die ihm unterstellt wird.

      Einen offensichtlich unter Schock stehenden entkräfteten Menschen mit der Aufgabe zu betrauen ein gekentertes Kreuzfahrtschiff aufzuentern um dort in der Dunkelheit ohne Ausrüstung nach Menschen zu suchen ist nicht das, was ich von einem erfahrenen Verantwortlichen für die Rettung von Menschenleben erwarte.

      Natürlich wird Feigheit bei der Flucht Schettinos eine Rolle gespielt haben. Ich halte ein gewisses Maß an Feigheit angesichts der tatsächlichen Umstände an Bord dieser sog. “Kreuzfahrtschiffe” aber für rational und nachvollziehbar. Ich möchte nicht in der Haut eines Kapitäns stecken, der mit einer Mannschaft aus Tagelöhnern über das Meer schippert und dann im Katastrophenfall mit diesen Leuten etwas erreichen soll.

      Die Passagiere, die jetzt Vorwürfe gegen Schettino erheben, müssen sich eben vorhalten lassen, dass man bei diesen Pseudo-Kreuzfahrten zum Billigtarif tatsächlich das bekommt wofür man bezahlt hat und eben nicht erwarten darf, was man sich aus dem Fernsehen vorstellt. Wenn man die Mannschaft nicht entsprechend dem Risiko bezahlt darf man nicht erwarten, dass sie etwas für einen riskiert. Und vom Kapitän darf man – entgegen den Klischees – auch kein Verhalten erwarten, das irgendwelchen Romanen entsprungen ist.

      Natürlich waren da auch mutige Leute in der Mannschaft, denen die Passagiere zu Dank verpflichtet sind. Nur halte ich diese Leute nicht für moralisch höherwertiger als Schettino, was ich sagen will: Schettino hatte keine moralische Pflicht sich um “seine” Passagiere zu kümmern. Natürlich nicht. Warum auch?

  7. Sie vergessen, dass der Kapitän als Personenbeförderer sehr wohl rechtlich für seine Passagiere verantwortlich ist (das wird nach italienischem Recht sicherlich nicht andes sein). Er hat ferner die Befehlsgewalt an Bord und damit nicht nur eine moralische sondern auch rechtliche Verpflichtung, Rettungsmaßnahmen zu koordinieren und sich nicht aus Eigennutz von Bord zu entfernen (er hat nämlich gar nichts unternommen). Ihrer Auffassung, Schettino hätte “keine moralische Pflicht” kann ich nur insoweit beitreten, dass er eine rechtliche Pflicht aufgrund seiner Funktion hatte. Ihre moralische Bewertung finde ich allerdings auch mehr als grenzwertig. Aber wir werden ja sehen wie die Gerichte entscheiden werden…

    • Ihre moralische Bewertung finde ich allerdings auch mehr als grenzwertig. Aber wir werden ja sehen wie die Gerichte entscheiden werden…

      Vor Gericht und auf hoher See…

      MO, was soll so ein Angstschweinchen wie dieser Schettino machen, wenn ihm küstennaher Kurs von seinen Auftraggebern/Arbeitgebern “nahe gelegt” wird? Vor allem, wenn er nur Grüßaugust ist. Er verläßt sich auf Andere.
      Diese Anderen verlassen sich ihrerseits wiederum auf Andere.

      Nun fahren auf diesen Pötten zusammengewürfelte Crews, die eher wegrennen/sich argumentativ entfernen als substanziiert zu arbeiten.

      Für mich ist das alles der Nachweis, daß neben Hollywood auch Babylon reloaded wird.

      Mach mal eine moralische Anwaltskanzlei auf. Wir warten alle drauf.

      • Bin dabei, du sicher bemerkt hast, habe ich kaum noch Zeit zu schreiben.

  8. Man muß sich diesen Klops mal gaaanz ruhig vorstellen.

    Da fährt ein Pott vom Kaliber eines Superöltankers/Flugzeugträgers und macht solche Kapriolen.

    Eigentlich kann das gar nicht sein. Nur gut, daß keine Nuklearwaffen an Bord waren sondern nur ~4.200 Menschlinge.


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